Inhalt
Im Mittelpunkt steht nicht die Diagnose, sondern die Frage, was jemand im eigenen Leben tun will und nicht mehr kann: sich anziehen, kochen, schreiben, am Arbeitsplatz zurechtkommen oder den Tag strukturieren. Du arbeitest mit Kindern in der Praxis, mit Menschen nach einem Schlaganfall in der Reha oder mit psychisch Erkrankten in der Tagesklinik.
Steckbrief
- Zugang
- Mittlerer Schulabschluss oder gleichwertige Ausbildung, alternativ Hauptschulabschluss mit mindestens zweijähriger abgeschlossener Berufsausbildung (§ 4 Abs. 2 ErgThG), Einzelheiten auf der Jobseite
- Dauer
- 3 Jahre (§ 2 ErgThG), Ausbildung an staatlich anerkannten Schulen oder, wo das Land es bestimmt, an Hochschulen (§ 8b ErgThG)
- Umfang
- mindestens 2.700 Stunden theoretischer und praktischer Unterricht und 1.700 Stunden praktische Ausbildung (§ 1 ErgThAPrV)
- Rechtsgrundlage
- ErgThG mit der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung ErgThAPrV; für Studiengänge § 8b ErgThG
- Abschluss
- Staatliche Prüfung an der Schule: schriftlich an drei Tagen, mündlich in mehreren Fächern, praktisch mit Werkstück oder Schiene und einer Patientenbehandlung (§§ 2, 5 bis 7 ErgThAPrV)
- Zuständige Stelle
- Zuständige Behörde des Landes, für die Kassenzulassung die Arbeitsgemeinschaften der Krankenkassen (§ 124 SGB V)
- Typische Arbeitsorte
- Ergotherapiepraxen, Krankenhäuser und Psychiatrien, Rehakliniken, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, Pflegeeinrichtungen, Frühförderung
Quelle: ErgThG und ErgThAPrV im Wortlaut, SGB V, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 27.09.2026.
Aufgaben nach Arbeitsbereichen
Die Heilmittel-Richtlinie des G-BA beschreibt, wozu Ergotherapie dient: krankheitsbedingte Schädigungen motorischer, sensomotorischer, perzeptiver und mentaler Funktionen wiederherzustellen, zu bessern oder auszugleichen, damit Menschen sich selbst versorgen, mobil sein, ihren Alltag bewältigen und am Leben teilhaben können. Dazu gehört ausdrücklich die Beratung zur Anpassung von Schule, Arbeitsplatz und Wohnung (§ 35 HeilM-RL). Je nach Bereich sieht die Arbeit unterschiedlich aus:
- Pädiatrie: Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Wahrnehmungs- oder Aufmerksamkeitsstörungen üben Grob- und Feinmotorik, Handlungsplanung und Stifthaltung, oft mit Beratung von Eltern, Kita und Schule.
- Neurologie: Nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder bei Multipler Sklerose trainierst du Arm- und Handfunktion, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Alltagshandlungen wie Anziehen und Waschen.
- Orthopädie, Rheumatologie und Handtherapie: Funktionstraining nach Verletzungen, Gelenkschutz, temporäre Schienen und Training mit Prothesen.
- Psychiatrie und Psychosomatik: Tagesstruktur, Antrieb, Konzentration, soziale Kompetenzen und die Rückkehr in Arbeit, einzeln oder in Gruppen.
- Geriatrie: Selbstständigkeit erhalten, Sturzprävention, Hilfsmittel- und Rollstuhlversorgung, Wohnraumanpassung und Beratung von Angehörigen.
- Arbeitstherapie: Belastbarkeit erproben und berufliche Wiedereingliederung vorbereiten, etwa in Kliniken oder Werkstätten.
In der gesetzlichen Krankenversicherung sind die Maßnahmen als motorisch-funktionelle, sensomotorisch-perzeptive, psychisch-funktionelle Behandlung und als Hirnleistungstraining oder neuropsychologisch orientierte Behandlung festgelegt, ergänzt um Thermotherapie und temporäre ergotherapeutische Schienen (§§ 36 bis 40 HeilM-RL).
Schule oder Hochschule nach Landesrecht
Die Ausbildung liegt in der Gesamtverantwortung der Schule, die praktische Ausbildung stellt sie über Vereinbarungen mit Krankenhäusern und anderen geeigneten Einrichtungen sicher (§ 1 ErgThAPrV). Im Unterricht stehen medizinische Fächer wie Neurologie, Orthopädie, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie neben Psychologie, Pädagogik, handwerklichen und gestalterischen Techniken und den ergotherapeutischen Behandlungsverfahren. Die praktische Ausbildung verteilt sich auf drei Pflichtbereiche:
| Bereich | Stunden |
|---|---|
| Psychosozialer Bereich (psychiatrisch oder psychosomatisch) | 400 |
| Motorisch-funktioneller, neurophysiologischer oder neuropsychologischer Bereich | 400 |
| Arbeitstherapeutischer Bereich | 400 |
| Frei auf die drei Bereiche zu verteilen | 500 |
Quelle: Anlage 1 Teil B ErgThAPrV, zusammen 1.700 Stunden. Je ein Einsatz soll mit Kindern oder Jugendlichen, mit Erwachsenen und mit älteren Menschen stattfinden. Abgerufen am 27.09.2026.
Die staatliche Prüfung legst du an deiner Schule ab. Im schriftlichen Teil schreibst du an drei Tagen je eine Aufsichtsarbeit von 180 Minuten, mündlich wirst du in mehreren Fächern je höchstens 15 Minuten geprüft. Im praktischen Teil fertigst du nach eigenem Arbeitsplan ein Werkstück, eine Schiene oder ein Hilfsmittel an, höchstens zwölf Stunden an zwei Tagen, und behandelst eine Patientin, einen Patienten oder eine Gruppe auf Grundlage eines schriftlichen Befund- und Behandlungsberichts (§§ 5 bis 7 ErgThAPrV). Jeden nicht bestandenen Teil kannst du einmal wiederholen (§ 10 ErgThAPrV).
Eine Ausbildungsvergütung und ein Verbot von Schulgeld schreibt das Ergotherapeutengesetz nicht vor. Wendet der Träger den TVAöD an, gilt er ausdrücklich auch für die Ergotherapie-Ausbildung. An privaten Schulen entscheiden die Länder, ob sie Schulgeld übernehmen. Einen Vergleich mit der Logopädie gibt der Beitrag Ergotherapie und Logopädie im Ausbildungsvergleich.
Erlaubnis, Verordnung und Blankoverordnung
Die Erlaubnis bekommst du mit der bestandenen Prüfung nach drei Jahren Ausbildung. Daneben verlangt das Gesetz, dass du zuverlässig bist, gesundheitlich geeignet und über die Deutschkenntnisse verfügst, die der Beruf erfordert (§ 2 Abs. 1 ErgThG). Ergotherapie wird in der Regel ärztlich verordnet, in bestimmten Fällen auch von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (§ 35 Abs. 4 HeilM-RL). Wie eine Verordnung aussehen muss und welche Fristen gelten, steht im Beitrag Heilmittelverordnung im Praxisalltag.
Seit dem 1. April 2024 gibt es in der Ergotherapie die Blankoverordnung nach § 125a SGB V. Die Ärztin oder der Arzt stellt Diagnose und Indikation, du bestimmst Heilmittel, Frequenz und Dauer für bis zu 16 Wochen. Vereinbart ist sie zunächst für drei Diagnosegruppen: Erkrankungen der Wirbelsäule, Gelenke und Extremitäten (SB1), unter anderem wahnhafte und affektive Störungen und Abhängigkeitserkrankungen (PS3) und dementielle Syndrome (PS4). Die Vertragspartner haben sich darauf verständigt, später die pädiatrische Versorgung zu ergänzen. Ampelsystem, Abschläge und die Änderungen seit Juli 2026 erklärt der Beitrag Blankoverordnung in Physio- und Ergotherapie.
Therapie in Praxis und Klinik
- Ergotherapiepraxis: Behandlungen nach Verordnung, oft mit Kindern, Hausbesuche in Pflegeheimen und Wohnungen, Abrechnung mit den Krankenkassen.
- Krankenhaus und Psychiatrie: Frühe Mobilisierung und Alltagstraining auf Station, Gruppenangebote in Tageskliniken, enge Absprache mit Pflege und Ärzteschaft.
- Rehaklinik: Intensive Therapie über mehrere Wochen, häufig in der Neurologie und Orthopädie, Beispiele im Beitrag Reha-Klinik als Arbeitgeber.
- Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Werkstätten und Schulen: Förderung von Teilhabe und Arbeit, Beratung von Lehrkräften und Betreuenden.
Krankenhäuser und Rehaeinrichtungen brauchen für angestellte Therapeutinnen und Therapeuten keine eigene Zulassung, Praxen dagegen schon (§ 124 Abs. 1 und 5 SGB V). Einen Überblick über die Therapieberufe gibt die Seite Therapie und Reha, Stellen und Gehaltswerte stehen auf der Jobseite Ergotherapie.
Fortbildung, Studium und eigene Praxis
Nach der Ausbildung spezialisierst du dich über Fortbildungen, etwa in Handtherapie, neurologischen Behandlungskonzepten, Pädiatrie oder Psychiatrie. Hochschulen bieten ausbildungsbegleitende und berufsbegleitende Bachelorstudiengänge und darauf aufbauende Master an, die zu Leitung, Lehre und Forschung führen.
Die eigene Praxis rechnet erst mit der Kassenzulassung ab. Dafür verlangt § 124 Abs. 1 SGB V die Erlaubnis oder einen vergleichbaren Hochschulabschluss, Räume und Ausstattung, die eine zweckmäßige und wirtschaftliche Behandlung erlauben, und dass du die Verträge nach § 125 SGB V anerkennst. Den Antrag stellst du bei der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen in deinem Land, ihre Entscheidung gilt für alle Kassen. Das Verfahren am Beispiel der Physiotherapie beschreibt der Beitrag Praxiszulassung nach § 124 SGB V.
Wer einen Abschluss aus dem Ausland mitbringt, lässt ihn von der Landesbehörde auf Gleichwertigkeit prüfen. Bei wesentlichen Unterschieden folgen ein Anpassungslehrgang oder eine Eignungs- oder Kenntnisprüfung (§§ 16a und 16b ErgThAPrV), mehr im Beitrag Ergotherapie und Logopädie aus dem Ausland.
Abgrenzung zu Physiotherapie, Logopädie und Heilerziehungspflege
- Physiotherapie: behandelt Bewegungsfunktionen des Körpers mit Übungen und manuellen Techniken, die Ergotherapie setzt bei Alltagshandlungen und deren Umsetzung an.
- Logopädie: Sprache, Sprechen, Stimme und Schlucken, mit mehr Praxisstunden und weniger Unterricht.
- Heilerziehungspflege: pädagogische und pflegerische Begleitung von Menschen mit Behinderung nach Landesrecht, keine Heilmittelbehandlung.
Stand der Reform
Das Ergotherapeutengesetz stammt von 1976, die Ausbildungsverordnung von 1999. Geltendes Recht seit Dezember 2023 ist, dass die Länder die Ausbildung dauerhaft an Hochschulen verlegen dürfen (§ 8b ErgThG), die frühere Modellklausel ist Ende 2024 ausgelaufen. Eine umfassende Reform der Berufsgesetze für Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie hat sich die Koalition vorgenommen und dabei eine ausschließliche Vollakademisierung abgelehnt. Bis ein neues Berufsgesetz verkündet ist, gilt die Ausbildung wie beschrieben.
Häufige Fragen
In welchen Bereichen arbeiten Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten?
Vor allem in der Pädiatrie, Neurologie, Orthopädie und Handtherapie, Psychiatrie, Geriatrie und Arbeitstherapie. Die Ausbildung bereitet mit Pflichteinsätzen im psychosozialen, im motorisch-funktionellen und neurologischen sowie im arbeitstherapeutischen Bereich darauf vor.
Kostet die Ergotherapie-Ausbildung Schulgeld?
Das hängt von Schule und Land ab. Bundesrecht verbietet Schulgeld in der Ergotherapie nicht. Ob es an privaten Schulen übernommen wird, regelt das Land, und bei Trägern mit TVAöD bekommst du eine Ausbildungsvergütung.
Was brauche ich für eine eigene Ergotherapiepraxis?
Für die Abrechnung mit den Krankenkassen brauchst du eine Zulassung nach § 124 SGB V: Erlaubnis, geeignete Praxisausstattung und Anerkennung der Verträge nach § 125 SGB V. Über den Antrag entscheidet die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen in deinem Land.
Was unterscheidet Ergotherapie von Physiotherapie?
Die Physiotherapie behandelt vor allem Bewegungsfunktionen des Körpers, die Ergotherapie die Handlungsfähigkeit im Alltag, in Schule und Beruf. Beide sind eigene Berufe mit eigenem Gesetz, einer dreijährigen Ausbildung und staatlicher Prüfung.
Kann ich Ergotherapie studieren?
Ja, es gibt Bachelorstudiengänge, die mit der Ausbildung verbunden sind oder nach ihr berufsbegleitend studiert werden. Die Länder dürfen die Ausbildung auch ganz an Hochschulen verlegen, dann ersetzt die Hochschule die Schule (§ 8b ErgThG).
